Es gibt Konzerte und es gibt Konzerte. Genauer ausgedrückt: Es gibt Auftritte von Bands in eher überschaubaren Lokalitäten, bei denen die Musiker einfach auf der Bühne stehen und ihre Musik zum Besten geben und der Sänger in den Pausen zwischen den Songs mit den Mädchen im Publikum schäkert. Und dann gibt es gigantische, perfekt durchgeplante Shows berühmter Künstler, die in Fußballarenen stattfinden, mit Effekten, Tänzern und bis ins Detail ausgefeilten Choreografien, bei denen auch Spontanitäten nicht dem Zufall überlassen werden.
Das erste Konzert auf deutschem Boden von Madonnas Confessions Tour fällt ganz sicher in die zweite Kategorie. Schon beim Betreten der LTU-Arena in Düsseldorf liegt eine fast spirituelle Aufregung in der Luft. Der erste Blick fällt auf die riesige, von ebenso großen Pferdegrafiken flankierte Bühne. Die Vorgruppe, oder besser der Vor-DJ hat es nicht leicht. Paul Oakenfold ist gut, keine Frage, ein Teil der Menge geht bei bekannteren Stücken auch mit, aber es ist auch klar: Hier warten alle nur auf sie. Durch die Arena schwappt mehrmals die La Ola.
Und sie kommt endlich gegen 21 Uhr. Schon der Start ist extrem beeindruckend: Während sich unter den ersten Takten der Musik eine überdimensionale Discokugel von der Decke absenkt, sind auf den Leinwänden Video-Einspielungen von Pferden zu sehen, eine Frau im Reiterdress kommt hinzu, natürlich ist es Mrs. Ciccone Ritchie. Die Discokugel, inzwischen unten angekommen, öffnet sich wie eine Blüte und gibt unter ohrenbetäubendem Jubel die leibhaftige Madonna preis, wie im Video zuvor komplett mit Reitzylinder und Gerte (die Kostüme wurden übrigens von Jean-Paul Gaultier entworfen). Sie legt gleich mit “Future Lovers” los, ein Song ihres neuen Albums.
Es folgen die aktuelle Single “Get Together” und gleich im Anschluss der Klassiker “Like a Virgin”, diesmal in einer Version auf einem um eine Stange rotierenden Pferdesattel, inklusive sexy Räkeleinlagen (die wir aus besonderer Nähe genießen können, da sich dieser Part auf unserer Seite der Bühne abspielt). Bei “Jump” können die männlichen Tänzer ihr artistisches Talent demonstrieren, spätestens jetzt hält es viele Fans nicht mehr auf ihren Sitzen, zumindest nicht mich und die anderen der H&M-Crew.
Von Anfang an kann man Madonnas unglaubliche Präsenz und Power spüren, mit der sie die 45.000 Zuschauer in ihren Bann zieht. Überhaupt hat das ganze Konzert viel Power, oft auch mit einem aggressiven, wütenden Unterton. Besonders im mittleren Teil haben Madonnas Mittelfinger und das böse Wort mit ‘F’ einige Soloauftritte, gern auch verbunden mit Namen und Bildern diverser Politiker. Selbst die drei Balladen haben etwas von Protestsongs: Allen voran natürlich “Live to Tell”, die skandalumwitterte Szene, bei der Madonna ästhetisch ansprechend und mit Dornenkrone am verspiegelten Kreuz hängt, während ein Timer über ihr auf 12 Millionen zählt - für die 12 Millionen Aids-Waisen in Afrika.
Um Völker- und Religionsverständigung geht es bei “Forbidden Love” und “Isaac”, deutlich gemacht durch die beiden Tänzer, die jeweils Davidstern oder Halbmond auf dem Oberkörper tragen; oder die Tänzerin, die bis zur Unkenntlichkeit verhüllt und wie verzweifelt durch einen riesigen Käfig tobt und am Ende daraus befreit wird. Es folgen noch „Sorry“ und “Like it or not”, bis Madonna kurzzeitig wieder in der Versenkung der Bühne verschwindet.
Das nächste Lied nach der kurzen Unterbrechung ist “I Love New York”. Dafür steht Madonna auf einmal mit Motorradjacke und E-Gitarre auf der Bühne, deren Hintergrund die Skyline New Yorks ziert, und gibt dem Song eine sehr rockig-aggressive Note.
Nach “Ray Of Light” und “Let it will be” kommt der Teil „Kleiner Plausch mit dem Publikum“: Von den Fans in Düsseldorf verlangt Madonna einen „soccer song“, was aber daran scheitert, dass die Leute im Publikum entweder keine Fußball-Lieder kennen, oder ganz einfach nicht verstehen, was sie überhaupt will. Ich weiß nicht, was Madonna sich gedacht hat - dass alle Deutschen nach der WM nichts anderes mehr tun als Schlachtgesänge von sich zu geben oder dass der bloße Aufenthalt in einem Fußballstadion die Menschen dahingehend animiert? Frau Ciccone schiebt unser Schweigen allerdings auf unsere Muttersprache, die nun einmal deutsch und nicht englisch ist.
Also fährt sie fort, darüber zu philosophieren, wie sehr ihr es gefällt, verschiedene Länderflaggen bei ihren Konzerten zu sehen (neben der deutschen kann ich auch die us-amerikanische und die brasilianische Flagge entdecken), und zwar als Demonstration der Völkerverständigung. Sie mag auch Deutschland, da es immer wieder wichtig für ihre Karriere war, und anders als beim „We love you Germany!“ anderer Bands hört sich dieses Liebesgeständnis sogar authentisch an, so als würde es wirklich von Herzen kommen.
Anschließend singt sie “Drowned World/Substitute for Love”, so wie sie ist, einfach auf der Treppe in der Mitte der Bühne sitzend, noch im schwarzen Anzug des vorherigen Parts. Es ist der ruhigste, aber nicht am wenigsten ergreifende Moment des Abends, ohne Tänzer, Videoeffekte, Choreografien und Ähnliches, einfach nur Madonna, ihre erstaunlich starke Stimme und die Ballade. Ruhig geht es auch weiter: “Paradise (Not For Me)” vom „Music“-Album performt sie auf einem Barhocker mit Gitarre und “my friend Isaac” als Begleitung, während auf den Leinwänden Blüten zu Boden schweben. Genauso schön anzusehen wie anzuhören.
Das große Finale steht dann aber komplett im Zeichen von Spaß und Disco, sogar weiße Anzügen à la „Saturday Night Fever“ fehlen nicht. Den Start macht „Music“ unterlegt von „Disco Inferno“. Es folgen drei Klassiker: „Erotica“, „La Isla Bonita“ in einer bunten Disco/Party-Version und „Lucky Star“.
“Hung Up”, der letzte Song, ist eine riesige, wilde, zehnminütige Party zum Schluss. Auch eine Gesangseinlage der Zuschauer ist dabei, die sogar Madonna herself beeindruckt (es wird nicht ganz klar, ob es an der Lautstärke liegt oder dass das deutsche Publikum offensichtlich doch englisch kann). Am Ende segeln hunderte goldene Ballons zu Boden, während die Discokugel die Arena in einen einzigen großen Dancefloor verwandelt.
So ausgelassen und berauscht die Stimmung, so abrupt das Ende: Der Vorhang senkt sich über Madonna & Crew, die Frage “Have you confessed?” wird darauf projeziert. Noch minutenlang tobt und jubelt die Menge, in Erwartung einer Zugabe oder zumindest eines “Thank you and bye!”, bis dann doch gnadenlos das Licht angeht und damit die Party definitiv beendet. Madonna hat sich unauffällig durch den Hinterausgang verdrückt.
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Bis vielleicht auf das abrupte Ende war das Konzert einfach großartig, die Show perfekt; aber auch intimere, ruhigere Momente, bei denen Madonna den Kontakt zum begeisterten Publikum suchte, fehlten nicht. Dabei wirkte sie sehr entspannt, zu Scherzen aufgelegt und einfach nett! (Außer bei politischen Aussagen, da war sie gar nicht mehr nett.)
Madonna kann nicht nur fantastisch tanzen (und das bei ihrem Alter!) und auch erstaunlich gut live singen, sie hat auch eine Wahnsinns-Ausstrahlung, die für mich über das Fernsehen oder durch ihre Videos gar nicht so rüberkommt. Man spürte ihre Energie, ihr Selbstbewusstsein und vor allem, dass ihr so ein Auftritt auch offensichtlich noch richtig viel Spaß macht. Der Besuch des Konzerts hätte sich für mich sogar auch dann gelohnt, wenn ich alles hätte bezahlen müssen, und das wäre nicht wenig gewesen. Aber da ich mir als arme Studentin das nur unter großen Entbehrungen hätte leisten können, wäre mir die Erfahrung wohl entgangen. Also: Vielen dank H&M und danke Madonna für diesen tollen Abend!